Ablenkung, Langeweile und das Dazwischen

Mehr Raum für Stille
Ich habe meine Aktivitäten auf Social Media über eine «längere» Zeit stark reduziert. Nicht aus einem Impuls heraus, sondern als eine bewusste Entscheidung. Und genau diese Entscheidung hat mich mit etwas konfrontiert, das ich so nicht erwartet hätte.
Es ist ein seltsames Gefühl. Einerseits taucht der Gedanke auf, wie angenehm Ablenkung sein kann. Andererseits wird mir immer klarer, wie gut mir die Ruhe tut, die entsteht, wenn die ständige Berieselung wegfällt. Es bleibt mehr Zeit für das, was wirklich erledigt werden will, und mehr Raum für Stille. Beides fordert mich.
Ich habe gemerkt, dass Ablenkung für mich oft eine klare Funktion hat. Sie schützt mich. Nicht, weil etwas falsch wäre, sondern weil sie mich auf Abstand zu meinen eigenen Prozessen hält. Solange ich abgelenkt bin, muss ich nichts ganz an mich heranlassen. Ich bleibe in Bewegung, ohne wirklich anzukommen.
Heute brauche ich diese Strategie nicht mehr in derselben Form, auch wenn mein Körper sie noch sehr gut kennt.
Wenn ich dies jedoch bewusst annehme, zeigt sich etwas spannendes. Langeweile fühlt sich nicht immer gleich an. Manchmal ist sie unruhig, manchmal überraschend befreiend. Oft spüre ich, wie stark ich noch geprägt bin von einer Leistungsgesellschaft, die Stille schnell mit Stillstand verwechselt.
Bewusste Momente
Es gibt Momente, in denen ich diesen Raum ganz bewusst wähle. Es sind Augenblicke, in denen nichts von mir verlangt wird.
Manchmal sind diese Momente echt schwer und manchmal entstehen daraus aber auch überraschend klare Gedanken oder kreative Lösungen. Oft aber auch einfach ein Gefühl von Zufriedenheit, ohne dass ich genau sagen könnte, warum.
Genau hier erlebe ich im Moment eine Ambivalenz.
Ein Text, dem ich begegnet bin, aus einem Buch («Die Dopamin Nation» – von Dr. Anna Lembke) konnte diesen inneren Prozess für mich in Worte fassen. Er beschreibt Langeweile nicht als Mangel, sondern als einen Raum, der es erst ermöglicht, dass sich ein neuer Gedanken überhaupt bilden kann. Ohne diesen Raum würden wir endlos auf Reize reagieren, anstatt uns auf unsere eigenen Erfahrungen einzulassen.
Ich merke, dass sich mein Umgang mit Ablenkung verändert hat, ohne dass ich ihn schon vollständig greifen kann. Es ist kein klares Entweder oder. Eher ein vorsichtiges Dazwischen. Ein Beobachten und ein langsames Annähern an die Frage, was mir wirklich guttut.
Es ist für mich Inspiration und gleichzeitig eine Form der Betäubung. Es hat Nähe ermöglicht und gleichzeitig Vergleiche verstärkt. Sich zu zeigen fühlt sich wichtig und richtig an, gerade im beruflichen Kontext, und gleichzeitig merke ich, wie sehr mich Klarheit und Integrität beschäftigt. Ich übe mich darin und das ist gleichzeitig eine meiner grössten Herausforderungen.
«Und vielleicht ist Langeweile nicht das, wovor wir uns schützen müssen, sondern der Raum, in dem wir uns selbst wieder näherkommen.»
Ich schreibe das nicht, weil ich eine Lösung gefunden habe oder weil ich gegen Social Media bin. Ich schreibe es, weil ich merke, wie ambivalent mein Umgang damit ist und wie sehr es uns alle betrifft. Vielleicht geht es weniger darum, etwas zu reduzieren, sondern genauer hinzuschauen, warum wir Ablenkung brauchen.
Und vielleicht ist Langeweile nicht das, wovor wir uns schützen müssen, sondern der Raum, in dem wir uns selbst wieder näherkommen.
Ablenkung ist heute überall verfügbar. Sie ist schnell, leicht und gesellschaftlich akzeptiert. Kaum entsteht ein leerer Moment, greifen wir zum nächsten Reiz. Nicht, weil wir oberflächlich wären, sondern weil wir es so gelernt haben. Leere gilt als etwas, das es zu vermeiden gilt. Langeweile als Zeichen von Stillstand.
Ehrliche Frage an dich:
Was würde passieren, wenn du der Langeweile nicht sofort ausweichen würdest? Und was genau versuchst du damit zu vermeiden, wenn du es doch tust?